René Fueloep-Miller
Die Nacht der Zeiten

Roman
Nachwort von Rolf Bulang
332 Seiten
fadengeheftete Broschur
€ 25
ISBN: 978-3-949441-08-0
Erschienen:

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The Night of Time, so der Titel der amerikanischen Übersetzung von Richard und Clara Winston, wurde 1955 in den USA publiziert. Das deutsche Originalmanuskript verdanken wir einer intensiven Suche in amerikanischen Archiven. »A war novel to end all war novels«, steht auf der Taschenbuchausgabe von 1962.
Es geht um Adam Ember, der in den Krieg zieht, dabei zuerst in einem endlosen Marsch zu einem Ort namens Turka durch Nacht, Nebel und Schlamm getrieben wird, um schließlich beim Hügel 317 anzukommen, den es aus irgendeinem Grund zu verteidigen gilt. Die Überlebenden seiner Einheit werden dort eingesetzt, und bald wird er zum Totengräber ernannt, dank der feindlichen Artillerie auf dem nächsten Hügel ein ausfüllender Job. Adam arbeitet für die »Bataillone unter der Erde«, wie ihm sein »Totenhauptmann« erklärt: »Was wissen schon die Lebenden von den Geschäften des Todes?« Dieses Geschäft lernt Adam Ember immer besser kennen. Sein Name weist ins Überzeitliche: Adam (hebräisch: Mensch) Ember (ungarisch: Mensch). Und sein Krieg trägt zwar Züge des Ersten Weltkriegs, führt jedoch weit darüber hinaus, bis zur Atombombe: Alle Ortsnamen sind fiktiv, und die Figuren tragen Namen aller möglichen Länder und Kulturen. Sie sind nicht in einem Krieg, sondern in Dem Krieg. Jenem Krieg, der nie wirklich endet. In einem surrealistisch-mythologischen Finale sieht Adam Ember die Armeen der Toten vorbeiziehen, der Toten aller Kriege, von Troja bis Stalingrad, begleitet vom Klagen der Frauen und Mütter.

René Fülöp-Miller (18911963) hat viele Sachbücher und wenige Romane geschrieben. Sein erster, Katzenmusik, erschien zuerst 1936 und neu 1998 im Weidle Verlag. Als Sachbuchautor hatte er große Erfolge mit Titeln wie Der Heilige Teufel. Rasputin und die Frauen (1927), Lenin und Gandhi (1927), Führer, Schwärmer und Rebellen. Die großen Wunschträume der Menschheit (1934)

Rolf Bulang lebt als Antiquar und Literat bei Marburg. Als Herausgeber betreute er im Weidle Verlag: René Fülöp-Miller, Katzenmusik, Peter Crane, Wir leben nun mal auf einem Vulkan (auch Übersetzer), und Albrecht Schaeffer, Helianth.

Das Farnkraut am Wege, die Felder, der Waldhang, die Berge dahinter, soweit man sehen konnte, alles erschien in leuchtendem Rot. Ich wollte Lemmings Aufmerksamkeit darauf lenken.
»Schau nur wie rot der Hügel ist«, sagte ich, »gerade als stünde er in Flammen.«
»In den Bergen ist es eben schon Herbst«, bemerkte er schlicht.
»Natürlich«, pflichtete ich ihm bei, »hier in den Bergen kommt der Herbst früher.«
Da wandelte sich das Rot unvermittelt in ein rostiges Braun so jäh, daß man dem Übergang gar nicht zu folgen vermochte. Und so ging es weiter: die Landschaft stürzte geradezu von einer Farbe in die andere.
Meine Unruhe wuchs, denn jetzt war es mir zur Gewißheit geworden: der Weg, dem wir folgen, ist nicht der Weg nach Turka; es ist überhaupt kein Weg, der irgendwohin führt. Es ist der Herbst, in den wir hineinmarschieren.
Alles war in unaufhörlichem Wandel begriffen. Mit jedem Schritt verglühten neue Farben, die noch vom Sommer her im Laub der Bäume und im Gras auf den Hängen leuchteten.
Wir kamen in einen Wald gelbleuchtender Birken. Er verlosch, während wir hindurchmarschierten. Baum um Baum verlosch über unsern Häuptern. Wir überquerten eine Wiese. Unter unseren marschierenden Sohlen verwelkten und verblichen die Gräser.
Wie lange wir so gingen, ist kaum die Frage. Wir gingen nicht nach Stunden oder Meilen, wir schritten durch die Verwandlung, und Zeit und Ferne wurden nach Bäumen, Gräsern, Farben, nach Wolken und Winden gemessen.
Als die letzten Farben erloschen und die kalte Dunkelheit wuchs, da fragte ich den Lemming noch einmal:
»Lemming, wohin marschieren wir?«
»Nach Turka!«, war auch diesmal die Antwort.
Je höher wir stiegen, um so tiefer drangen wir in den Herbst ein. Es war Oktober, in dem wir marschierten. Tag und Nacht war der Himmel wolkenverhangen. Immer länger säumte die Sonne, den Morgen zu bringen, und der Mittag war nunmehr ein fahlgraues Licht. Früh kam die Dämmerung, und im Nu glitt sie in den Abend. Die Nächte waren sternentot und währten länger und länger. Bald war der Tag nur noch ein mattes Aufblinken zwischen zwei pechschwarzen Nächten.
Der Marsch wurde immer mühsamer, als trügen wir den bewölkten Himmel samt der lastenden Dunkelheit in unseren Tornistern. Vom Feld her stiegen Winde auf, kalt fingen sie sich in unseren Mänteln.
»Lemming«, rief ich, »das ist nicht der Weg nach Turka! Dieser Weg führt…«
»Mensch«, unterbrach er mich ungeduldig, »was willst du eigentlich? Alles geht, wie es auf der Marschroute vorgesehen ist. Birka«, wandte er sich dem Kadetten zu, »du hast doch die Karte, zeig sie ihm. Dann gibt er wohl endlich Ruh.«
Birka zog seine Karte hervor.

René Fueloep-Miller

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