Edem Awumey
Die schmutzigen Füße

Roman
Aus dem Französischen von Stefan Weidle
ca. 160 Seiten
fadengeheftete Broschur
€ 20,00
ISBN: 978-3-949441-01-1
Erschienen: August 2021
Gefördert von der Kunststiftung NRW

bestellen bei Kohlibri


Askia fährt Taxi in Paris, vornehmlich nachts. Er ist illegal, sein Taxischein gefälscht, sein Zimmer mit dem ewig tropfenden Wasserhahn schwer zu ertragen. Eines Abends steigt eine Frau in seinen Wagen. Sie mustert sein Gesicht im Rückspiegel und sagt: »Sie erinnern mich an jemand. Einen Mann mit Turban, der mir vor ein paar Jahren Modell gestanden hat …«
Die Frau heißt Olia, stammt aus Sofia und ist Fotografin. Und der Mann mit dem Turban muß Askias Vater sein, den er auf dem langen Weg aus Mali verloren hat. Kurz vor ihrem Tod hat seine Mutter ihm noch erzählt, der Vater sei nach Paris gegangen. Askia sucht ihn. Nun hat er eine erste Spur. Immer wieder begegnet er Hinweisen auf einen geheimnisvollen Mann mit blütenweißem Turban. Ist das der verlorene Vater?
Die Familie mußte aus Mali flüchten, weil kein Regen mehr fiel, die Felder verdorrten und das Vieh verdurstete. Unterwegs wurden sie verspottet als »die schmutzigen Füße«. Mutter und Sohn blieben an der Küste Togos, der Vater zog weiter. Askia folgt ihm Jahre später, ständig begleitet von der schmerzhaften Erinnerung an den Hund Pontos auf der Müllhalde von Trois-Collines.

Dieser mythische Roman über die Suche nach einem Vater klingt lange nach, weil die Zeitebenen und die Orte sich durchdringen und vermischen. Und weil durch Edem Awumeys Sprachkunst ein Gebilde entsteht, das zwar nur in Worten existiert, mitunter aber wirklicher erscheint als die sogenannte Wirklichkeit.

Edem Awumey wurde 1975 in Lomé, Togo, geboren. Les pieds sales, so der Originaltitel, erschien zuerst 2009 und kam sofort auf die Shortlist für den Prix Goncourt. Edem Awumey lebt in Vieux-Hull bei Ottawa. 2020 erschien sein Roman Nächtliche Erklärungen im Weidle Verlag. Er wird am 12. und 14. September beim internationalen literaturfestival berlin beide Bücher vorstellen.

Mancher entkommt dem Meer nur knapp, mit nassen Schultern, andere haben schmutzige Füße, weil sie laufen, flüchten in der Hoffnung auf ein Asylland, einen Platz, um neu Fuß zu fassen. Edem Awumey hat es vermocht, ein ganzes Universum entstehen zu lassen, in dem wir jenseits der eigentlichen Fakten, jenseits der jüngeren Geschichte seines Landes, Togo, auf Personen treffen, die dem Schmerz der Welt angehören. Ob in Afrika oder Europa: Überall irren die Verdammten dieser Erde herum – unter dem empathischen Blick dieses Autors. Der Roman geht uns alle an , weil er eine universelle Bedeutung besitzt.
Tahar Ben Jelloun
______________________

Leseprobe

Alle waren sie gescheitert auf diesem Platz inmitten der Stadt, wie das Wrack eines alten Kahns im Hafen seiner Kindheit. Gesichter, die Askia hier vor dem Centre Pompidou kennengelernt hatte. Unbeugsame. Unsterbliche Fressen. So charakterisierte er sie. Abenteurer, Läufer ohne Ziel, Inkarnationen des Scheiterns. Auf dieser Pariser Agora hingen einige solche Fressen rum: Lin, der Porträtmaler, der 1989 aus Peking geflohen war; die Visage von Kérim, dem Rumtreiber, von dem keiner wußte, woher er stammte und wie weit seine Füße ihn getragen hatten; Big Joe von Marie-Galante, städtischer Angestellter in seiner grünen Straßenkehreruniform; Camille, die Nutte in ihrem hinten und an den Seiten vielfach geschlitzten Rock, Camille, die sich mit dem Fleisch der Lutetier den Bauch vollschlug, diese Venus der Straße ihrer Begierden, die ihr Geschlecht der Stadt der tausend Lichter darbot. Er hatte die Zeit, sie alle kennenzulernen, denn er streifte oft auf diesem Pflaster herum, wo Figuren und Schatten auf der Suche nach einem Zuhause sich langweilten, Menschen unterwegs von allen Polen unserer alten Erde: Pilger, Flüchtlinge, Neugierige, Unzufriedene, all die Seelen, die geschaffen waren, sich in Richtung Unendlichkeit im Kreis zu drehen … Aus diesem Grund kam er auf diesen Platz, in der Hoffnung, Sidi in der Unendlichkeit seiner Flucht dort über den Weg zu laufen, mit oder ohne Turban, der sich gewiß schon abgenutzt hatte in all den Stürmen, denen er begegnet war.
Es gab viele andere hier, deren Namen Askia nicht kannte: Ansichtskartenverkäufer, Polizisten, Gymnasiasten, vereinsamte Großmütter, deren Männer auf dem Père Lachaise lagen …
Da stand auch dieses bunte Museum mit dem ganzen Metall, der Platz davor ein Wegkreuz der Zeit des Exodus, voller Hausierer, Flohmarkthändler, bekannten und fremden Visagen und Puppengesichtern, Mädchen, die um 19 Uhr aus den Türen des Museums und der Bibliothek kamen, junge Frauen mit Stapeln von dicken Büchern auf dem Arm. Und Punkt 19 Uhr fielen die Bücher aufs Pflaster, als sie über die Schwelle der Bibliothek traten, und sie bückten sich, um sie aufzusammeln. Sie bückten sich wie für die Liebe, die Knie auseinander, und Askia erhaschte einen Blick auf ihre Taillen und mageren Hüften. Eines Tages kam ein Mädchen mit einem großen Folianten, der ihr aus den Händen glitt und zu Boden fiel. Als Askia herbeistürzte, um ihr beim Aufheben behilflich zu sein, da sah er ihn. Sidi.
Sidi, ernst und mit festem Blick auf dem Einband des Buches, mit einer Kopfbedeckung aus rotem Tuch, das sich in mehreren Schichten über seiner großen Stirn aufbaute. Der Rest des Gesichtes von großer Klarheit, wie in Holz geschnitten, gerade Nase, hohe Schläfen und ein weiches bärtiges Kinn. In Holz geschnitten, weil nichts dieses fokussierte Gesicht nahbarer machen konnte. Ohne nachzudenken, fragte er das Mädchen, wo sie das Buch herhatte, auf dessen Einband jemand abgebildet war, den er für seinen Vater hielt. Verständnislos sah sie ihn an. Ein paar Sekunden später aber sagte sie: »Sie meinen die Abbildung auf dem Einband? Das ist ein Porträt von Askia Mohammed, dem König des Songhaireichs von 1492 bis 1528 … Er erinnert Sie vielleicht an jemanden, den Sie kennen? Tut mir leid. Das ist definitiv nicht der, den Sie meinen. Aber vielleicht sind Sie selbst aus Songhai? Sie haben etwas mit diesem Bild gemeinsam … Das ist spannend, Geschichte, wissen Sie? Sie ist ein Teil von uns …« Askia kam sich dumm vor, regungslos stand er vor dem Mädchen, das schließlich im Inneren des Museums verschwand, ihr schmaler Schatten glitt ihr voran.

Edem Awumey by Jean-Marc Carisse

Gesamtverzeichnis
Autoren  |  Künstler