Isabela Figueiredo
Die Dicke

Roman
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Gefördert von Direção-Geral do Livro,
dos Arquivos e das Bibliotecas (DGLAB)
und vom Camões, IP – Portugal
ca. 280 Seiten
fadengeheftete Broschur
€ 24,00
ISBN: 978-3-938803-98-1
Erschienen: Februar 2021

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Maria Luísa ist jung, intelligent, eigensinnig. Sie ist eine gute Schülerin und verfolgt auch später konsequent ihren eigenen Weg. Doch sie ist dick. Hoffnungslos dick. Dieser Umstand überlagert und beschädigt alles: ihre sozialen Kontakte, ihr Gefühlsleben (die komplizierte Beziehung zu David, ihrer großen Liebe), ihren Wirklichkeitsbezug. Schon als Teenager leidet sie darunter und muß in resigniertem Schweigen das Mobbing durch ihre Mitschüler ertragen. Neben ihrer dominanten Freundin Tony – schlank, schön und von allen Jungs umschwärmt – ist sie »das Monster«, »der Blauwal«. Im Studium lernt sie David kennen. Obwohl er ihren Körper begehrt, schämt er sich vor seinen Freunden für ihr Aussehen und bittet sie, ihn nicht mehr zu besuchen. Er beendet die Beziehung, doch kann sich Maria Luísa nicht vollends von ihm lösen. Von den eigenen Eltern fühlt sie sich bedrängt und eingeschränkt, dennoch werden sie ihr nach deren Tod fehlen. Als Erwachsene faßt Maria Luísa den Entschluß, ihren Magen operativ verkleinern zu lassen.

Die Erzählerin dieses autobiographischen Romans geht durch die Räume der Wohnung, die sie mit ihren Eltern nach deren Rückkehr aus Mosambik bewohnt hat; die einzelnen Zimmer bilden die Kapitelüberschriften.
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Isabela Figueiredo wurde 1963 in Lourenço Marques, dem heutigen Maputo, geboren. 1975, nach der Nelkenrevolution und Mosambiks Unabhängigkeit, verließ sie Afrika allein, ihre Eltern sah sie erst zehn Jahre später in Lissabon wieder. Das Buch über ihre Kindheit in Afrika ,
Roter Staub, erschien 2019 im Weidle Verlag, übersetzt von Markus Sahr.

Marianne Gareis studierte Lateinamerikanistik, Anglistik und Ethnologie. Seit 1989 übersetzt sie aus dem Portugiesischen und Spanischen, z. B. José Saramago, Gonçalo M. Tavares, Joaquim Machado de Assis, Andréa del Fuego, Sergio Álvarez und Samanta Schweblin. 2014 wurde sie mit dem Straelener Übersetzerpreis ausgezeichnet, 2018 mit dem Hieronymusring des Verbands deutschsprachiger Übersetzer.
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Leseprobe

Das Brot hält mich am Leben. Stillt meinen Hunger. Morgens gehe ich zur Schule und kaue alte Brötchen, belegt mit dicken Scheiben Quittengelee. Mein Körper braucht den kräftigen Geschmack dieser Frucht, der sich im Mund mit dem Teig mischt und dabei den Magen füllt. Mein Weg führt für eine lange Strecke über freies Feld. Dort wachsen Mohnblumen
und Kräuter, die ich in dem Land, aus dem ich komme, nie gesehen habe. Unterwegs mache ich halt und betrachte im Frühling die bunte Wiese und im Winter die mit einer Eisschicht überzogenen Kräuter. Mit den Fingerspitzen wische ich den Rauhreif weg, der sich über Nacht auf den Blättern gebildet hat. Was für eine Eiseskälte! Wie übersteht die Natur nur so viel Rauheit?
Mittags meide ich den Speisesaal, aus dem ein Geruch nach richtigem Essen kommt. Ich kaufe mir in der Cafeteria Sandwiches mit Tomatenmarmelade,schlinge sie gierig hinunter und spare die restlichen Münzen für Briefmarken, damit ich meinen Eltern, Verwandten und Freunden schreiben und mich wieder mit dem Teil verbinden kann, den man mir amputiert hat.
Ich behaupte, mein Hunger aus dieser Zeit ist meinem Magen entsprungen, meiner Mitte, aber wo er genau herkam, werde ich wohl nie erfahren. Ich habe ihn weggedrückt und mit Füßen getreten. Er war ein Schmerz, der nicht tötete, ähnlich der Sehnsucht nach einem lieben Menschen, der gestorben ist. Hastig schluckte ich das Essen hinunter, ohne es zu kauen. Spürte kurz seinen köstlichen Geschmack, und der Brocken fiel hinab in meinen Magen und füllte ihn wie einen Kartoffelsack. Ist das Hungermonster gesättigt, ist es ein großartiger Freund. Und ich fühle mich getröstet. Ist es hungrig, bohrt es seinen Stachel in meinen Magen, damit ich es nicht vergesse. Und ich vergesse es nicht. Beruhige dich, Hunger, hier hast du deinen Tribut! Brot mit Marmelade. Brot mit Butter. Brot mit Chorizo. Lieber hätte ich Hunger in der Lunge verspürt, denn den hätte ich mit tiefem Luftholen stillen können, oder Hunger im Herzen, dann wäre ich losgerannt und hätte meinen Puls beschleunigt. Doch mir fiel dieses vielköpfige Hungermonster in meinem Magen zu, mit einer Verbindung zum Hirn. Es ist, als wüchsen im dunklen, feuchten Innenraum meines Körpers Pilze. Hungersporen, ausgesät bei meiner Geburt. Wäre ich gleich das geworden, was ich werden sollte, hätte ich Frieden geschlossen mit dem Monster und mit ihm geschlafen wie mit einem Hund. Ich grüble. Käue wieder. Verfluche. Ich bin noch nicht das, was ich werden soll. Aber was ist es, das mich erwartet?