Hans Meisel
Torstenson. Entstehung einer Diktatur.

Roman

272 Seiten
Fadenheftung, fester Einband
€ 23
ISBN: 978-3-931135-78-2
Erschienen: 2004
Herausgeber: Ulrich Faure
Umschlag: Rainer Gross

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»Ich bin beim letzten Manuskript, einem Roman von Hans Meisel, mit dem viel los ist«, schreibt S. Fischer-Lektor Oskar Loerke am 12. 9. 1926 in sein Tagebuch. In die Hände gespielt wurde ihm Meisels Torstenson. Entstehung einer Diktatur vom Theaterkritiker Monty Jacobs, der 1927 dafür sorgte, daß das Buch den Kleistpreis erhielt. Erstaunlich ist, daß trotz politischer Brisanz und Sprachgewalt das Werk damals nicht die angemessene Aufmerksamkeit fand. Doch ist das Thema heute noch aktuell: Es geht um den Aufstieg eines durchaus uncharismatischen Generals zum Diktator. Eine bürokratische »Machtergreifung«, die der General Torstenson durch Schachzüge mit ergebenen Figuren bewirkt. Dabei ist er kein Visionär oder Phantast, er verkörpert den modernen Typus des Diktators, der eine Macht ohne Inhalt anstrebt. Meisel seziert die Vorgänge, kontrastiert sie aber mit expressionistischen Szenen einer wilden, unbeugsamen Jugend.

Hans Meisel, 1900 in Berlin geboren, Journalist und Schriftsteller. Arbeitet als Lektor für Bermann-Fische und als Redakteur der »Vossischen Zeitung«. 1934 Emigration seit 1938 in den USA. Sekretär Thomas Manns, seit 1940 College-Lehrer und Professor für Politische Wissenschaften. 1991 gestorben. 2001 erschien sein Roman »Aguilar« im Weidle Verlag.
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»Meisel bestreitet, mit diesem Buch Hitler vorausgeahnt, vorausgeschrieben zu haben … Wer dieses Buch heute zum ersten Mal liest, wird nicht unbedingt der Meinung des Verfassers sein.« (Peter Härtling 1971)

Leseprobe

… Eine kleine, unsaubere Wolke segelte über die Dächer, schob sich als Brücke über die Straße. Ein Schauer fegte herab, punktierte das Pflaster, war schon vorbei. Der junge, etwas fette Adjutant im blaßblauen Wagen zog die weißlichblonden Brauen schräg und hielt sich steif schnupperte kühn in die feuchtwarme Luft, in der es roch, ja wie nur roch er blinzelte betrübt, leckte einen Tropfen von den Lippen, die standen vergessen auf. Er war noch nicht lange bei Torstenson, hatte in kleinen Landstädtchen Bauern geschunden, fand Riga monströs.

Was es alles gab in so einer großen Stadt! Hat schon wer versucht, die Häuser zu zählen straßauf, straßab. Er wird bis hundert kommen, vielleicht auch bis zweihundert, dann gelangweilt aufhören, hat ja keinen Sinn, was sagt auch eine Zahl: zehntausend Häuser, ah. Von oben sieht es freilich wie ein Ganzes aus. »Die Bürgerschaft«, sagt man, »Riga ist entschlossen«, sagt man, »Riga wünscht energische Unterdrückung des Streikes.« Die Arbeiter sind im Unrecht, die Zeitungen schreiben es alle, man liest sie fahrend, gehend, essend, vom ersten bis zum vierten Stock. Haben ja recht, die Zeitungen, aber wer kann immer daran denken? Des Morgens wirft das Haus seine Menschen auf die Straße, die vielen Straßen sie haben es alle eilig, die Geschäfte, die Ämter, das ist der Ernst des Lebens, das gesicherte Einkommen, daran rechnen sie jeden Abend unter der Lampe die elenden paar Scheine. Unbezahlt die Arztrechnung, die Nachhilfestunden vom Jungen, das frißt an einem, läßt des Nachts nicht locker, die Frau fragt herüber, ob man krank ist, sie kann nicht schlafen, weil das Bett so knarrt. Geradezu lächerlich ist das. Wie sie vorbeistürzen auf den regennassen Straßen, in den Elektrischen die Ellbogen aneinander reiben schlafenden Blickes, bitterernst. Die verweinten Frauengesichter der Witwen wissen sich keinen Rat mehr allein.

Junge Leute scheuern Arm an Arm, zucken auseinander, sind so unendlich vertieft mögen die Soldaten marschieren, Plakate schreien mögen sie. Auf den Veranden der Cafés gönnerisch sitzen und mitsummen: »Wenn die Liebe nicht so teuer wär', würd' ich losgehn wie die Feuerwehr.« …