Hans Meisel
Aguilar oder Die Abkehr

Roman
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Klaus Täubert.
280 Seiten
Fadenheftung, fester Einband
€ 21
ISBN: 978-3-931135-55-3
Erschienen: 2001
Herausgeber: Klaus Täubert
Umschlag: Martin Noel

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Barcelona 1936, vor Ausbruch des Bürgerkriegs. Juan Aguilar, gleichermaßen erfolglos als Dichter wie als Vertreter von Damenhandtaschen, erkennt sein geschäftliches wie privates Scheitern. Bei einem Autounfall verliert er vorübergehend die Sprache. Als Stummer nun wendet sich sein Schicksal, er gewinnt Umsätze und Zuwendung zurück. Er wird für alle, die ihn kaum mehr beachteten, interessant, man will sogar seine Geschichte verfilmen.
Nach seiner Genesung entschließt er sich daher als Simulant zur Fortsetzung dieser erfreulichen Entwicklung. Aus der Distanz des beobachtenden Außenseiters entwickelt er Anteilnahme und echte Sympathie für die, die ihm nun wie einem Beichtvater Vertrauliches mitteilen. Und da der Krieg sich nähert, sind es nicht nur persönliche Geheimnisse, in die sich Juan nach und nach verstrickt. Schließlich kommt der Zeitpunkt, an dem für alle Beteiligten die schlichte Fortsetzung ihrer bisherigen Existenz nicht mehr möglich ist: Die politischen Ereignisse erzwingen grundsätzliche Entscheidungen für das weitere Leben. Mit seinem Roman verabschiedet sich der Emigrant Hans Meisel vom alten Europa und seinen literarischen Motiven, die er noch einmal in der Figur seines Aguilar vereinigt.
Dieser Sprachskeptiker, Verführer, Heiratsschwindler und Flaneur des Fin de siècle muß nun den Schritt in eine neue Welt wagen, in der alles, auch Furchtbares, möglich ist.
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HANS MEISEL, 1900 in Berlin geboren, ist Redakteur der Vossischen Zeitung, als ihm 1927 für seinen Romanerstling Torstenson der Kleist-Preis zuerkannt wird. Später arbeitet er als Lektor für Bermann-Fischer und übersetzt u.a. Sinclair Lewis, (It Cant Happen Here, Querido 1936). Seit 1934 lebt Meisel, der jüdischer Herkunft ist, nicht mehr in Deutschland, im November 1938 wird er Sekretär Thomas Manns in den USA. »Die stumme Zeit«, wie Aguilar ursprünglich hieß, reicht Meisel 1938 unter Pseudonym zu dem Romanwettbewerb der American Guild for German Cultural Freedom ein. Ausgerechnet Thomas Mann war sein Gutachter. 1940 beendet Meisel seine Tätigkeit für Thomas Mann, wird College-Lehrer und ist dann von 1945 bis 1970 Professor der Politischen Wissenschaften an der Universität von Ann Arbor, Michigan. 1991 ist Hans Meisel in Amerika gestorben.

Leseprobe

Kurz vor dem Aufbruch hatte er sich noch rasch satt geredet ein paar Stunden hielt es vor, das hämisch-einfältige Zwiegespräch mit einem Fratzenschneider namens Aguilar im Spiegel. Die Grammophonmusik im Nebenzimmer deckte alles zu.

Es grüßte ihn ein schöner Morgen, Seewind und Sonne, wehende Sonne und strahlender Wind. Hoch oben im Gleitflug ein einsamer Vogel. Fliegen lernen, er? Was dieser Roldan sich wohl dachte. Als ob der Vertreter von Enk & Morin von seinen Renten lebte. Bis elf schon zwei dicke Abschlüsse! Das war wieder eine ganze Monatsmiete, Madame Aguilar! Bei Morales Söhne spielte Juan »scheuer Grande«. Wenn sein feierlicher Kopf sich in der Glastür zeigte, lächelten ihm alle schon ermunternd zu. Er wies den Zettel vor: »Ich bin nicht da und gehe schon«, ließ sich die Mustertasche mit Gewalt entreißen, während hinter rotlackierten Fingernägeln viel gekichert wurde. Anders bei Pareda. Dort war er der Unglückliche, dem zu helfen Christenpflicht war. Der Besitzer blickte dem Vertreter trübe ins Gesicht: »Die Firma«, hieß das, »hat sich haushoch eingedeckt, und dennoch kaufe ich dir etwas ab, verstanden?« Draußen schüttelte er sich wie ein Hund nach dem Bad. In solchen Augenblicken hatte er nur einen Wunsch: daß jemand mit ihm lachen könnte, lachen über alle andern, die nichts wußten. Ohne diesen einen Mitwisser war sein Triumph nur eine Schattenpflanze.

Aguilar hob schnuppernd seine Nase. Weihrauch. Sollte er beichten? Dann wüßte es doch endlich einer … Aber so rasch wie der Weihrauch verflog dieser Einfall, als er
weiterschritt.

In diesen Gassen wohnte einst der Adel, in den kleinen einstöckigen Häusern hinter Gitterfenstern,mit den gußeisernen Ständern für die Fackeln und den Ringen für die Pferdezügel durch die Tore mit den Wappenschnörkeln sah man in die stillen Patios, sah vermooste Brunnen, deren Wasser nicht mehr strahlt. Längst hatten sich der kleine Kaufmann und Agent hier eingefressen: unwahrscheinliche, sich selbst nicht ganz geheure Existenzen doch die Stille war geblieben, und bevor die engen Straßenrinnsale sich in die breite Brandung der Geschäftsboulevards ergossen, nahm die Altstadt noch rasch ihre ganze Vornehmheit zusammen, reckte sich engbrüstig in die Höhe, schleifte lange Schattenschleppen nach sich und verschloß die Augen vor der Sonne, der Plebejerin, die allen scheint.

Juan geht da hindurch, doch nicht mehr mit dem Wippgang, den Hel einmal mit dem eines Täuberichs verglichen hatte, sondern herrisch, beinah im Paradeschritt. Den Blick hält er wie eine Lampe vor sich her das übrige Gesicht bleibt dunkel. Aber dieser Suchblick täuscht. Juan gehört zu jenen Menschen, die nicht mit den Augen sehen. Sondern alles fließt um ihr Gesicht herum so wie um eine Insel, um sich hinterher erst zu vereinen und rückflutend, durch den Hinterkopf gewissermaßen, in die Augen einzutreten.

Hans Meisel mit seiner Frau Marianne bei einem Deutschlandbesuch 1948

Hans Meisel um 1985, Photo: Claire S. Meisel

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