Artur Landsberger
Berlin ohne Juden

Roman
Umschlag: Werner Haypeter
224 Seiten
Fadenheftung, Festeinband
€ 19
ISBN: 978-3-931135-34-8
Erschienen: 1998
Herausgeber: Werner Fuld

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Erzählt wird, wie eine antisemitische Volkspartei nach dem Gewinn der Reichstagswahlen das Parlament übernimmt und Gesetze gegen Juden erläßt. Alle Juden unter 75 Jahren müssen das Land verlassen, ihr Vermögen wird konfisziert. So weit kommt einem die Geschichte vertraut vor. Doch in Berlin ohne Juden geht sie anders aus als in der Wirklichkeit. Das Ausland stellt sich geschlossen gegen Deutschland und boykottiert die deutsche Wirtschaft. Protest bricht aus, die Maßnahmen müssen zurückgenommen werden.

Landsbergers bereits 1925, also im selben Jahr wie Mein Kampf, erschienener Roman ist eine Satire auf die antisemitischen Machenschaften der Nazis. Die Handlung allerdings wirkt durch ihre spätere Realität geradezu gespenstisch. Der heutige Leser fragt sich, ob die von Landsberger in seinem Roman durchgeführte Lösung nicht auch in der Wirklichkeit eine Chance gehabt hätte.

Als Artur Landsberger (geb. 1876) erkannte, daß die politische Realität seine groteske Schreckensvision eingeholt hatte und überrollte, nahm er sich am 4. Oktober 1933 in Berlin an seinem Schreibtisch das Leben.
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Leseprobe

Die jüdische Bevölkerung entwickelte jetzt eine fieberhafte Tätigkeit. Verständlich, daß alles in Berlin zusammenströmte. Die Zeitungen mit Verkaufsinseraten aus dem ganzen Reich erschienen im Umfang von dreißig bis fünfzig Seiten. Man konnte alles, was schwer mitzunehmen war, vor allem also Häuser, Möbel, Gardinen, Teppiche, Kronen, Porzellane, Bilder, Bücher, Wagen, Geräte, Pferde, Haustiere, Weine, Konserven und anderes mehr zu lächerlichen Preisen kaufen. Die christliche Bevölkerung kaufte sich satt. Die Leute verkauften ihre Papiere und hoben von den städtischen Kassen ihre Ersparnisse ab. Die Billigkeit reizte und die Freude, den Juden, von denen sie sich sonst übervorteilt glaubten, nun ihrerseits für das, was sie ihnen abkauften, Preise vorzuschreiben, die bis zur Hälfte, oft bis zu einem Zehntel hinter dem wirklichen Wert zurückblieben. Natürlich, sie überkauften sich, und als die Juden raus waren, fehlte ihnen das Geld für das Nötigste. Meist wußten sie gar nichts mit dem Geramschten anzufangen. Was sollte man mit einer Villa vor den Toren Berlins anfangen, wenn man Mühe hatte, seine teuere Wohnung in der Stadt zu halten, was mit einem Auto, wenn man sich das Geld für Chauffeur und Benzin vom Munde absparte, was mit echten Persern in Größen von 6 x 5 und 5 x 4, wenn die Zimmer nur 4 x 3 und 3 x 2 groß waren, was mit Handfiletgardinen für 24 Fenster, wenn man nebbich – ach, man brauchte jetzt so gern die jüdischen Worte! – nur fünf Fenster Front hatte. Die Kronen paßten nicht zu den Möbeln, die Bilder nicht zu den Tapeten, und in den bei der Eile natürlich im ganzen gekauften Bibliotheken fand man statt der gesuchten Rudolfe (Herzog und Stratz) Juden, wie Wassermann, Hirschfeld und Georg Hermann, ja, manchmal stieß man sogar auf Bücher in hebräischer Sprache, vor denen man sich bekreuzigte, sofern man nicht in Krämpfe fiel.
Alles das aber bemerkte man leider erst, als der große Taumel sich legte und die Juden schon draußen waren. Sonst hätte man sie gewiß des Wuchers bezichtigt und sie gezwungen, die Geschäfte rückgängig zu machen.