Peter Crane
Wir leben nun mal auf einem Vulkan

Briefwechsel
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Rolf Bulang,
Vorwort von Walter Laqueur
704 Seiten, 40 Photographien u. Abbildungen
Fadenheftung, Festeinband
€ 35
ISBN: 978-3-931135-81-2
Erschienen: 2005

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Am 30. Oktober 1933 verläßt die 15jährige Sibylle Ortmann Berlin und reist allein nach London. Dies ist der Beginn des Auseinanderbrechens einer jüdischen Familie, aber auch eines weltumspannenden Briefwechsels, der ein ganzes Panorama des Exils ausbreitet.
Sibylle Ortmann emigriert schließlich in die USA und setzt dort alles daran, ihre Schulkameradinnen aus Europa herauszubekommen.

Peter Crane ist Sibylle Ortmanns Sohn. Er hat die Korrespondenz gesammelt und kommentiert. Entstanden ist das Porträt einer ungewöhnlich mutigen Frau.

»Die Briefe der Sibylle Ortmann zeugen von einer erstaunlichen Reife, und das betrifft sowohl Stil wie Inhalt wie auch ihr Urteil über Menschen, die sie gerade getroffen hatte. Es ist nicht die Reife der Generation davor (Hofmannsthals 'frühgereift und zart und traurig'), die behütet in einer Welt der Sicherheiten aufgewachsen war und sich weder um Essen noch Bleibe des morgigen Tages sorgen mußte. Es war eine Generation, für die es kein Sicherheitsnetz mehr gab, eine Generation, die zwar schwimmen nicht gelernt hatte, aber schwimmen mußte oder untergehen.«
Aus dem Vorwort von Walter Laqueur
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Leseprobe

Sibylle aus Birchington an ihre Mutter in Berlin

6. April 1934

[…] Manchmal wieder stehe ich – ohne zu bemerken, wie lange – ganz weit draußen auf einer Buhne oder einem Felsen und beobachte die Wellen, wie sie von weit hinten immer näherkommen, anwachsen und schließlich wie ein schiefer hoher Turm umfallen, sich brechen und einfach zu Nichts zerstäuben und zerfließen – und rechts und links kommen Hunderte und Tausende von andern Wellen, und alle haben das gleiche Schicksal. Ich bringe diese Wellenwelt unwillkürlich immer in Beziehung zu den Menschen: Genau wie diese im Welten- oder Erdenmeer herumschwimmen, tun es die Wellen im Atlantic. Alle habe sie eine ähnliche Bahn sie kommen quasi aus dem Nichts, wachsen an, erreichen einen Höhepunkt und gehen unter – einige von ihnen werden etwas größer als andere, einige haben es eiliger und springen über andere, kleinere weg – alle laufen sie in derselben Richtung, der Küste zu, nur ganz wenige gelangen hin, die meisten gehen vorher unter. Ob groß oder klein, schnell oder langsam, sie haben alle das gleiche Ende. Und wenn sie sterben, dann bekümmert sich keine Welle, rechts oder links, dahinter oder davor, darum, und das Meer läuft weiter, als wäre die kleine oder große Welle nie dagewesen – es ist froh, daß es die alten los ist, denn es braucht Platz für neues, junges Wellenleben […]

Sibylle aus London an ihre Mutter in Berlin

10. März 1934

[…] Ich will gar nicht mit Emigranten zusammensein: Haben sie Sorgen, dann spricht man die ganze Zeit von nichts anderem, und das Ganze ist nur deprimierend. Haben sie keine Sorgen, dann ärgert man sich – ich wenigstens – über ihre Unbekümmertheit angesichts so vieler, berechtigter Gründe zu ernsten, unerfreulichen Gedanken. Lebt man aber in dieser gesunden, mit Recht unbesorgten, englischen Atmosphäre, dann wird man doch unwillkürlich von dieser Unbesorgtheit ein wenig mit ergriffen und fühlt sich mitunter, wenn die Sonne so schön scheint und man eine nette Arbeit vorhat – so richtig WOHL, ein Gefühl, das ich vor einem 1 /2 Jahr kaum mehr für möglich gehalten habe. […]

Sibylle aus London an ihre Mutter in Berlin

3. Juni 1936

Liebes Muttichen,
ich habe es mir überlegt. Ich halte es für besser, wenn Ihr erstmal festen Fuß faßt (solange ich hier ebenfalls welchen habe) und daß ich dann vielleicht ein paar Monate später nachkomme. Für mich wird es dann auch viel leichter sein, wenn ich sozusagen schon einen festen Stützpunkt drüben habe.

Sibylle

Eva Ortmann-Lechner aus New York an Sibylle in London

29. November 1936

Mein liebes gutes Kind!
Denke nur, ich habe schon einen »job«! Es ist nichts Bedeutendes, aber immerhin, ich werde etwas verdienen. Wieviel, weiß ich noch nicht, ich habe morgen um 11 schon die erste Probe. Ich mache nämlich in »Eternal Road« von Werfel mit. Vor einigen Tagen finde ich in der Untergrundbahn eine »Times«, blättere sie durch und lese, daß die lang verschobene Reinhardtinszenierung nun bestimmt am 30. Dezember herauskommt und daß Francesco von Mendelssohn zu den Vorproben bereits in N. Y. eingetroffen sei. Ich rief ihn sofort an, er wohnt im selben Hotel wie die Schwester, er war furchtbar nett, bestellte mich in sein Büro, und dann lud er mich zu einem prächtigen Lunch ein. (Ich habe bisher nicht gewußt, daß man in New York so
gut essen kann.) Wir besprachen alles genau, er ist wirklich ein überaus gescheiter und erfreulicher Mensch, eine wahre Erholung! Am nächsten Tag sangen wir ihm und einigen anderen im Manhattan Opera House vor. Er war sehr entzückt, auch der Kapellmeister, ein sehr netter Amerikaner. Lechner sang auf englisch : »O Tod, wie bitter« von Brahms. Francesco fand seine Aussprache sehr gut – er selbst spricht fließend und accentfrei wie ein Amerikaner -, auch die anderen sagten es, trotzdem hat man Angst, ihm eine Rolle zu geben, da keine reinen Gesangsrollen darin sind, sondern nur teils gesungene und teils gesprochene Rollen. Offenbar hat man schon im vorigen Jahr darüber gesprochen (oder auch geschrieben), daß Reinhardt zuviel deutsche Emigranten beschäftigt. Jedenfalls will man jeden deutschen Accent aus dem Stück fernhalten.
Ich habe jedenfalls das Gefühl, daß Lechner in kurzer Zeit, ich verstehe darunter natürlich vielleicht 1 .2 – 1 Jahr, sehr gut verdienen wird. Man kann hier viel Geld mit Musik machen, selbst wenn man kein Caruso, sondern nur ein guter Sänger ist […]

In Eile, mein Geliebtes. Viele, viele Küsse!
Deine Mutti

Bitte besorge Dir doch das Visum! Ich zittre, daß ein Krieg kommt, es sieht furchtbar aus.

Sibylle 1937

Sibylle 1971

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