Max Mohr
Frau ohne Reue

Roman
Mit einer biographischen Skizze von Roland Flade und einem Nachwort von Stefan Weidle
224 Seiten
fadengeheftete Broschur
€ 14,00
ISBN: 978-3-938803-95-0
Erschienen: 12. Juli 2019

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»Der schicksalhafte Weg einer Frau von heute aus der Familiengebundenheit in ein Leben frei von allen Beziehungen. Mohrs Menschen leben alle mit einem Urdunklen hinter sich. Sie folgen auf ihren Wegen einem Drang aus dem Unbewußten. Es ist die Angst, das Gefühl des Abgeschnittenseins, das aus der Ebbe, dem Leersein
der Welt kommt, was sie auf rastlose Wanderungen treibt. Sie fliehen vor den Falschheiten der Zeit und suchen ihr
eigenes Leben, um darin glücklich zu sein. So bewegt, spannend, heutig, taghell und leicht die Vorgänge in diesem Roman sind, so merkwürdig, nächtlich und unfaßbar ist der Untergrund.« So der Klappentext der Erstausgabe von 1933. Viel hat sich nicht geändert.
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Max Mohr, 1891 in Würzburg geboren, lebte als Schriftsteller und Arzt in Rottach am Tegernsee. In den 20er Jahren trat er als Dramatiker hervor, seine Stücke Improvisationen im Juni und Ramper wurden auf zahllosen Bühnen gespielt.

Leseprobe

»Es sitzt alles«, sagte Fenn und versuchte, eine neue Schleife zu binden. »Ich bin ohne dich vierzig geworden, also hab keine Angst um mich und sorg für dich selber.«
Golo brach in Gelächter aus. »Vierzig!« Er knöpfte seinen Kragen ab, zog die Krawatte heraus und reichte sie dem Freund. »Meinetwegen! Ich laufe heute abend mit deiner vierzigjährigen Babykrawatte herum, und du ziehst diese fünfzigjährige Gentlemankrawatte an! Und wenn du dann bei Herrn Gade Glück hast, weißt du wenigstens, warum.«
Fenn ließ es geschehn, daß Golo ihm den Kragen abknöpfte und die neue Krawatte einzog. Der Freund hatte recht, es war ein wichtiger Abend für ihn. Fenn hielt geduldig den Hals hin. Eine große Zeitung wollte ihn für mehrere Jahre als Berichterstatter nach dem fernen Osten schicken. Die Vorverhandlungen mit den verschiedenen Herren des Hauses hatten geklappt. Es fehlte nur noch die Zustimmung von Herrn Gade. Herr Gade war Bankier und hatte nichts mit dem fernen Osten zu tun. Aber es war in eingeweihten Kreisen bekannt, daß er der Geldmensch sowohl dieser Zeitung wie verschiedener anderer öffentlicher Institute war. Und bei wichtigen Verträgen in den von ihm finanzierten Unternehmungen sprach er selber das letzte Wort.
»Wunderbar! Wenn du jetzt den Vertrag nicht kriegst, kann nichts in der Welt mehr dir helfen.«
»Ich kriege ihn«, sagte Fenn.
»Ist eine Frau da?«
»Hoffentlich nicht.«
»Hoffentlich ja! Mit dieser Krawatte, Mensch! Du mußt die Frau bezaubern.«
»Ich bin kein Bezauberer.«
»Nein, du bist ein Mönch, das ist der Jammer. Ich hätte sofort diesen Geldmenschen auf meiner Seite, wenn eine Frau da wäre. In zehn Minuten hätte ich den Vertrag.«
Sie zahlten und brachen auf.
»Dieser Abend ist der Anfang zu einer Million«, sagte Golo an der Haltestelle. »Es handelt sich bei jeder Million nur um den Anfang. Denk daran, wenn du mit dem Kerl sprichst!«
Fenn nickte und bestieg den Autobus.
»Wir warten in der »Betrunkenen Frau« auf dich«, rief Golo vom Gehsteig aus. »Und wenn es zwei Uhr wird, wir warten!«
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Nun spannte sie ihren Willen wieder an. Nun war Schluß mit Vater Juvalis Devise: »Tun lassen, tun lassen, und laß die Männer es bereun!« Wie eine durchgebrannte Stute, die eine ferne Weide findet, und sie schleift den abgerissenen Zügel hinter sich her, ohne ihn zu spüren, und kümmert sich nur noch um die neuen süßen Gräser, von einem Maulvoll zum andern Maulvoll: so hatte sie ihren eigenen Willen hinter sich herschleifen lassen, vom Posaunenbläser zur »Betrunkenen Frau«, vom fernen Osten zum Feuz. Nun wollte sie wieder etwas. Sie wollte, daß Fenn nicht durch sie verkam.
Sie sah alles. Die leeren Papierbogen: hämisch. Die alten Schwarten: steckengeblieben. Der schottische Alkohol: heimlich. Sie sah alles und durchschaute alles, denn wenn sie etwas durchschaun wollte, durchschaute sies auch, seit je. Nur daß sie sich, seit je, vor diesem Durchschaun scheute, vor diesem geschäftigen: »Sei anders als du bist!«
Sie war in allen Lagen für das stolze: »Sei wie du bist!«
Aber jetzt – und gings auch gegen ihre Natur – durchschaute sie Fenn, jetzt wollte sie ihm helfen. Sie hatte sich wieder zurückgelegt, vorsichtig, um ihn nicht zu wecken.
Seid klug wie die Schlangen, meine Damen! Wenn die Mutter in der Vomp einen neuen Rock bekommen wollte, dann hatte sie zum Vater gesagt: »Der da hält noch bis an mein Lebensende!«, und sie hatte schnell ihren neuen Rock gehabt. Und wenn die junge Frau Bankier Gade in Berlin in Gesellschaft gehn wollte, dann hatte sie gesagt: »Zu Hause ists am schönsten!«, und sie war schnell ausgeführt worden. Nicht anders, damit der männliche Dünkel sich nicht dagegenstemmte, bei den Hottentotten, bei den Männern auf dem Mars, bei Fenn.
»Offen gestanden«, sagte sie einige Tage danach, »ich bin froh, daß Golo nicht mehr antwortet. Mir kommts wie alter Staub vor, die Stadt, das Quartett, die Zeitungen, der sogenannte Zeitgeist.« Und schon zehn Minuten später hatte er ihr bewiesen, daß er seine alten Beziehungen allzu schnöde verleugnet hätte. Denn ein Mann wäre heutzutage zu einem Doppelleben gezwungen, eigenes Werk und allgemeiner Betrieb, dies und jenes, das eine ohne das andere taugte nichts.
Schnell hatte sie ihn aus seiner gefährlichen Leere herausgelockt. Er beschloß, im Mai für einige Wochen in die Stadt zu fahren, nach Berlin. Er mußte den Anschluß an seine Zeit wieder aufnehmen.