Isabela Figueiredo
Roter Staub. Mosambik am Ende der Kolonialzeit

Erinnerungen
Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr
Nachwort von Sophie Sumburane
Gefördert von Direção-Geral do Livro,
dos Arquivos e das Bibliotecas (DGLAB)
ca. 176 Seiten
fadengeheftete Broschur
€ 23,00
ISBN: 978-3-938803-94-3
Erschienen: Oktober 2019

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Diese Erinnerungen an das Mosambik der Kolonialzeit konnten erst 2009 erscheinen, nach dem Tod des Vaters der Autorin. Das Buch war sofort ein Skandal und ein Bestseller dazu, bislang erlebte es neun Auflagen. Und stellte einen Tabubruch dar: Es räumte radikal mit der Legende von der »sanften« portugiesischen Herrschaft in Übersee auf und vermittelte einen ungeschönten Blick auf den blutigen Kolonialkrieg in Mosambik.
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Im Zentrum steht der Vater der Autorin, ein Elektriker, der seit den 1950er Jahren in Mosambik lebt und arbeitet. Er ist den ärmlichen Verhältnissen der portugiesischen Provinz entflohen und entfaltet nun seine Macht als Weißer, der mit seinen schwarzen Untergebenen scheinbar auf vertrautem Fuß steht, seine Position jedoch wie selbstverständlich mißbraucht, besonders Frauen gegenüber. Die Tochter erlebt das hautnah mit. 1974 bricht die Kolonialmacht zusammen, der Vater schickt die Zwölfjährige allein nach Portugal zu seiner Mutter. Sie soll dort berichten, welches Unrecht ihm und den anderen Siedlern geschieht. Das tut sie nicht.

Isabela Figueiredo versteht es, die Perspektive des Kindes mit Reflexionen über die Realität des Kolonialismus zu verbinden. Es entsteht das Bild eines alltäglich gelebten Rassismus, einer menschenverachtenden Ausbeutung, die nie hinterfragt wird. Doch der unverstellte Blick des Kindes sieht mehr, weil er nicht an den Fassaden hängenbleibt. Gleichzeitig aber wird damit der geliebte Vater zum Feind – dem sie dann ihr Buch widmen wird.

Isabela Figueiredo wurde 1963 in Lourenço Marques, dem heutigen Maputo, geboren. Mitten in den Kolonialkriegen wächst sie in enger Nachbarschaft zu den Schwarzen auf, doch als Weiße. Diese Jugend geht früh zu Ende: 1975, nach der Nelkenrevolution und Mosambiks Unabhängigkeit, verläßt sie Afrika allein und lebt fortan – bis zum Studium – bei Verwandten in der tiefsten portugiesischen Provinz. Die Eltern wird sie erst zehn Jahre später wiedersehen, als auch sie aus Afrika zurückkehren. Mit nahezu leeren Händen kommen diese »retornados« nach Portugal, verachtet von der einheimischen Bevölkerung, die in ihnen arbeitsscheue Versager sieht.

Markus Sahr übersetzt aus dem Portugiesischen und Englischen. Zum Übersetzen wurde er angeregt durch die portugiesische Autorin Yvette K. Centeno und in den vergangenen Jahren mehrfach durch das Instituto Camões gefördert. Er lebt und arbeitet in Leipzig und Lissabon. Im Weidle Verlag erschien seine Übersetzung von Marina Colasanti, Mein fremder Krieg.

Sophie Sumburane ist Autorin und Journalistin. Sie lebt mit ihrem Mann der aus Mosambik stammt, in Potsdam und reist häufig nach Mosambik.
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Leseprobe

Die Lust am Lesen eines Buches ließ Demütigungen leichter ertragen und war größer als die, allein mit Tieren zu spielen oder mir Kriege auszudenken mit den Rosenstöcken im Garten. Ein Buch brachte eine andere Welt mit sich, in die ich eintauchen konnte. Ein Buch war ein Ort, an dem es gerecht zuging. Zwischen der Welt der Bücher und der Realität lag eine gewaltige Distanz. In den Büchern konnte es zwar niederträchtig und böswillig zugehen, es konnte von äußerster Not die Rede sein; ab einem gewissen Punkt jedoch gab es in den Büchern irgendeine Rettung. Jemand begehrte auf, jemand kämpfte und starb oder wurde gerettet. Die Bücher zeigten mir, daß es in dem Land, in dem ich lebte, keine Errettung gab. Daß jenes Paradies mit seinem endlosen lachsfarbenen Sonnenuntergang und dem Geruch nach Curry und roter Erde ein riesiges Konzentrationslager war, mit Schwarzen ohne jede Identität, ohne den Besitz ihres eigenen Körpers, ohne Existenz. Nichts in meinen Büchern, an die ich mich erinnere, war genau so formuliert, doch es war das, was ich las!
Wer an einem beliebigen Morgen ohne Filter, ohne Schutz oder Angriffslust, in die Augen der Schwarzen sah, während sie die nackten Wände der Gebäude der Weißen aufstemmten, der vergißt diese Stille nicht, diese von Haß und räudigem Elend, von Ausgeliefertsein und Unterwerfung, von Überleben und Unrat brodelnde Kälte. Es gab keine unschuldigen Blicke.

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Ein Weißer und ein Neger zählten nicht nur zu verschiedenen Rassen. Die Entfernung zwischen Weißen und Negern glich der, die zwischen verschiedenen Spezies besteht. Sie waren Neger, also Tiere. Wir waren Weiße, also Menschen, vernunftbegabte Wesen. Sie arbeiteten für die Gegenwart, für den Zuckerrohrschnaps von »heute«; wir, um uns eines Tages die beste Urne leisten zu können, für die tollste Zeremonie am Tag unseres Begräbnisses.