Mustafa Khalifa
Das Schneckenhaus

Tagebuch eines Voyeurs
aus dem Arabischen und mit einem Nachwort von Larissa Bender
ca. 300 Seiten
fadengeheftete Broschur
€ 23,00
ISBN: 978-3-938803-92-9
Erschienen: April 2019
Umschlag: Cornelia Feyll
Gefördert von der Kunststiftung NRW

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Jemand mußte Musa verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Abends verhaftet.
Der junge syrische Absolvent der Pariser Filmhochschule kommt nach sechs Jahren in Frankreich am Flughafen von Damaskus an und wird bei der Einreise festgenommen und in eine Abteilung des Geheimdiensts gebracht, wo er sofort gefoltert wird.
Das geschieht Anfang der 1980er Jahre und sollte die erste Station einer dreizehnjährigen Reise durch die Hölle werden. Man wirft Musa vor, der verbotenen Muslimbruderschaft anzugehören, obwohl er getaufter Christ ist und Atheist dazu. Es gibt weder eine Anklage noch eine Gerichtsverhandlung. In dem schlimmsten aller Gefängnisse, dem Wüstengefängnis bei der Oasenstadt Palmyra (arabisch Tadmur), gerät er zwischen die Fronten der dort inhaftierten Muslimbrüder, die ihn als Ungläubigen töten wollen, und den Wärtern, die ihn schlagen und foltern. Er überlebt, indem er sich in sich selbst wie in ein Schneckenhaus zurückzieht und durch ein Loch in der Wand die Vorgänge im Gefängnishof beobachtet. Er führt ein Gedankentagebuch, das er nach seiner Freilassung zu Papier bringt, um den Terror zu dokumentieren und die Erinnerung an die Gefangenen und Ermordeten wachzuhalten.

Mustafa Khalifa hat aus eigenen Erfahrungen heraus geschrieben, er war von 1982 bis 1994 ohne Anklage oder Prozeß in diversen syrischen Gefängnissen inhaftiert, die meiste Zeit in Tadmur. Sein Roman ist als Tagebuch erzählt, allerdings ohne Jahreszahlen und ohne Ortsnamen. Ein Bericht aus der Hölle, kühl und distanziert, so schmerzhaft wie notwendig. Der Text erschien auf arabisch zuerst im Internet. Er spielte eine wesentliche Rolle beim Beginn der syrischen Revolution. 2007 wurde er auf französisch publiziert, ein Jahr später auf arabisch. Khalifa wurde 1948 in Dscharabulus, Syrien, geboren und wuchs in Aleppo auf. Schon früh engagierte er sich politisch und wurde deshalb zweimal verhaftet. Er studierte in Frankreich Filmregie und wurde nach seiner Rückkehr am Flughafen von Damaskus festgenommen. 2006 konnte er in die Vereinigten Arabischen Emirate ausreisen; von dort gelangte er nach Frankreich. Sein Roman erschien bereits auf französisch, englisch, spanisch, italienisch und norwegisch.

Larissa Bender übersetzt aus dem Arabischen und ist Herausgeberin des Bandes Innenansichten aus Syrien. 2018 erhielt sie für ihre Übersetzertätigkeit und ihr Engagement im deutsch-arabischen Kulturaustausch das Bundesverdienstkreuz. Sie lebt und arbeitet in Köln. Im Weidle Verlag erschien ihre Übersetzung von Niroz Malek, Der Spaziergänger von Aleppo.

»Ein schmerzhafter Roman, der nach Leben schreit, ein gewaltsamer Roman, der um Gnade bittet … Khalifas Werk zeigt, daß Kunst ein Zeugnis für Menschlichkeit sein kann. Für mich ist Das Schneckenhaus ein einzigartiger Roman, eine grandiose schöpferische Leistung, wie ein perfekt inszenierter Film auf Papier. Voller Schmerz zwar, doch wird der Leser jedem Schritt des Erzählers bis zum Schluß gebannt folgen.«
Rafik Schami

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Leseprobe

22. Februar. – Am frühen Morgen öffneten die Militärpolizisten die Zellentür und stürmten herein. Gebrüll, Peitschenschläge, Beleidigungen, dazwischen schrien sie:
»Gesichter zur Wand, los, die Gesichter zur Wand!«
Die Gefangenen waren aufgesprungen und hatten sich mit den Gesichtern zur Wand gedreht. Ich stand da und wußte nicht, was ich tun sollte.
Ich kam erst durch die Peitsche zu mir, die mir ins Gesicht schlug und sich dann um meinen Hals zusammenzog. Der Polizist brüllte:
»Gesicht zur Wand!«
Ich drehte mich um, ich erstarrte, der stechende Schmerz breitete sich vom Gesicht bis zum Hals aus. Nach etwa fünf Minuten wurde es still, dann war die laute Stimme eines Polizisten zu hören:
»Aufgepaßt … , an eure Plätze, stillgestanden !«
Die Militärpolizisten stampften auf den Boden, dann schrie er noch lauter:
»Die Zelle ist bereit, Herr Oberstleutnant!«
Das war der Gefängnisdirektor. Er ging vom Anfang der Zelle bis zum Ende durch ein von den Polizisten in Habachtstellung gebildetes Spalier. Mich packte die Neugier, unwillkürlich schaute ich den Oberstleutnant verstohlen an. Er war ein Mann in den Dreißigern, blond, sein Gang hatte etwas Angespanntes, auch seine Sprechweise. Er schien eher mit sich selbst zu reden, ich konnte die Worte kaum verstehen oder miteinander in Verbindung bringen:
»Mir … Mir droht man … Ich werde eine Hölle … Auch nur ein Haar … Dafür werden tausend Verbrecher …«
Dann rief er mit gepreßter Stimme:
»Ihr Hundesöhne, ihr Verbrecher, ihr kennt mich noch nicht, ich werde euch abschlachten wie Vieh!«
Es folgten mehrere Schüsse. Ich machte mich klein, zog den Kopf ein. Dann verschwand der Oberstleutnant in aller Eile, eine ganze Reihe von Polizisten hinter sich herziehend, und schloß die Tür.
Vierzehn Tote, vierzehn Kugeln, offensichtlich das komplette Magazin des Oberstleutnants. Die Ärzte aus unserer Zelle liefen in die Ecke, wo die Erschossenen lagen. Sie untersuchten sie, alle waren sofort tot gewesen. Alle hatten ein Loch im Hinterkopf. Die Ärzte zogen sie in die Mitte der Zelle, wo sich eine Blutlache bildete. Manche setzten sich daneben und weinten, die meisten aber waren regungslos erstarrt. Jemand stand auf und sagte:
»Keine Macht und keine Kraft außer bei Gott! Von Gott kommen wir, und zu Gott kehren wir zurück. Sie sind uns vorausgegangen, wir werden ihnen folgen. Gott, laß sie in Deinem weiten Paradies wohnen. Sie sind Märtyrer auf dem Weg Deines Wortes, des Wortes der Wahrheit, erbarme Dich ihrer, Du, der Du Dich erbarmst, Du, der Du verzeihst!«
Er schwieg einen Augenblick, dann wandte er sich an die anderen:
»Los Brüder, laßt uns unsere Pflicht tun!«
Sie warteten ab, bis die Leichen nicht mehr bluteten, dann legten sie sie in die Nähe der Tür. Unter den Toten war Scheich Mahmoud, der mir das Leben gerettet hatte. Ich sprach heimlich ein Gebet für ihn. Ich trauerte um alle, denn ich hatte mich an ihre Gesichter gewöhnt, aber besonders trauerte ich um Scheich Mahmoud.

© A. Abdelwahab

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