Shenaz Patel
Die Stille von Chagos

Roman
Aus dem Französischen von Eva Scharenberg
ca. 160 Seiten
fadengeheftete Broschur
€ 18,00
ISBN: 978-3-938803-86-8
Erschienen: September 2017

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Die Stille von Chagos behandelt das Schicksal der Chagossianer, einer Volksgruppe, die auf den Inseln des Chagos-Archipels im Indischen Ozean lebte, bis sie ab Mitte der 1960er Jahre von dort vertrieben wurde. Die Chagos-Inseln gehören noch zum britischen Territorium und wurden für 50 Jahre an die USA verpachtet, die dort eine Militärbasis errichtet haben. Von hier wurden und werden Luftangriffe auf den Irak und Afghanistan geflogen. Die Inselbewohner hat man zwangsumgesiedelt – die meisten landeten in Slums in der mauritischen Hauptstadt Port Louis. Die Vertriebenen kämpfen bis heute vor Gericht vergeblich um ihre Rückkehr.
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Der Roman zeigt aus verschiedenen Perspektiven die Schicksale mehrerer Chagossianer. Da ist Charlesia, die mit ihrer Familie nach Mauritius fährt, da ihr Mann im Krankenhaus behandelt werden muß, und plötzlich und ohne jede Information nicht mehr auf ihre geliebte Insel Diego Garcia zurückkehren kann. Da ist Tony, ein Hafenarbeiter auf Mauritius, der Charlesia immer wieder am Kai stehen sieht, sehnsüchtig aufs Meer starrend. Da ist Désiré, der nach der Verschleppung seiner Mutter auf der Schiffsreise nach Mauritius geboren wird und sich zwischen den Welten fühlt. Und da ist der Schiffskapitän, der Gewissensbisse hat, weil er die Inselbewohner gegen deren Willen wegbrachte, nachdem er jahrelang mit Lebensmittellieferungen zu der isolierten und weitgehend unberührten Insel gekommen war.
Erzählt wird vom Leben auf Diego Garcia, von den Festen, dem Essen und dem Alltag, und vom Leben auf Mauritius, das in starkem Kontrast zum paradiesischen Inselleben steht. Die chagos-kreolischen Einschübe in Dialogen und Liedern bringen die fernen Inseln sprachlich näher.
Die Frage, was es bedeutet, heimatlos und entwurzelt zu sein, ist heute aktueller denn je. Der Roman spürt sensibel den verschiedenen Varianten des Unrechts nach, das den Chagossianern vor rund 50 Jahren widerfahren ist. Der Pachtvertrag mit den USA sollte eigentlich im Jahr 2016 auslaufen, jedoch wird sich die Nutzung voraussichtlich bis 2036 verlängern.
Shenaz Patel verfaßte für die deutsche Ausgabe ein Nachwort, das die politischen Entwicklungen der letzten Jahre nachzeichnet.

Shenaz Patel (1966 geboren) ist Roman- und Theaterautorin und Journalistin. Sie wurde auf Mauritius geboren und schreibt sowohl auf Französisch als auch auf Morisyen (Mauritius-Kreolisch). Sie engagiert sich für die Mauritius-kreolische Sprache und übersetzt in das Kreolische – z. B. Tim und Struppi oder Warten auf Godot.
Le silence des Chagos ist ihr dritter Roman, er erschien im Jahr 2005. Derzeit arbeitet Shenaz Patel an einer Tetralogie von Graphic Novels über die Geschichte von Mauritius.
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Leseprobe

Charlesia schleppt sich dahin. Der überhitzte Asphalt klebt ihr als schwärzlicher Brei an den Sohlen. Sie geht geradeaus, riecht, erwartet, daß ihr hellwacher Geruchssinn sie leitet, daß er sie zu diesem Meer führt, das sie einfach sehen muß. Doch ihr Kompaß funktioniert hier nicht. Zu viele Gerüche wie zahllose Hindernisse, das dickflüssige, ranzige Öl des Verkaufsstands von frittiertem Gebäck an der Straßenecke, der bei­ßende Gestank von Gummi und Benzin einer Autowerkstatt ein Stück weiter die Straße rauf.
Alles läuft hier schief. Straßen mit aberwitzigen Windungen, Sackgassen, die mitten im Abstieg plötzlich auftauchen. Zu Fuß gehen hat hier kei­nen Sinn. Dort fand sie mit geschlossenen Augen, fanden ihre Füße wie von selbst zu der natür­lichen Abschüssigkeit des Strandes, das Meer vor sich, das Meer hinter sich, ruhig und schön, um ihre Welt zu streicheln und wohlig erschauern zu lassen wie ein ermatteter Körper umschlossen vom Körper des Geliebten.
Charlesia läuft. Sie wird es schließlich finden. Sie beginnt es zu riechen, vage, schwach. Es muß noch sehr weit weg sein. Aber sie ist bereit, es den ganzen Tag lang zu suchen, wenn es sein muß.
Hinter einem großen Gebäude, einem grauen Klotz, zuckt sie zusammen. Sie ist da, so nah, dort, auf der anderen Seite der langen Straße, wo die Autos entlangrasen, wobei die Linien der metallischen Farben sich in ihrem Windschatten in Luft auflösen. Sie muß da rüber. Sie schaut nach rechts, nach links, noch einmal nach rechts, alles geht zu schnell, die Kanonen dröhnen in ihrem Kopf. Sie schließt die Augen, tut einen Schritt nach vorn. Ein lautes Quietschen, der beißende Geruch von Gummi und Asphalt, der ihr den Geruchssinn vernebelt, Hupen, eine Reihe von Flüchen. Sie ö net die Augen wieder. Hinter ihr sind die Autos weitergefahren. Sie muß nur noch ein Absperrgitter überwinden, dann einen breiten Betonstrand.
»É, kot ou pé alé?«
Sie hat nicht angehalten, um dem Mann zu ant­worten, der aus seinem Wächterhäuschen gestürzt ist. Sie geht schneller. Sie muß zum Ende dieses Kais. Zum Ende dieses Kais. Dort muß ihr Schiff sein. Müßte es sein. Dort ist es vor einem Jahr plötzlich verschwunden. Spurlos. Der Spiegel zerschlagen. Das Ende jeder Hoffnung.