Pippa Goldschmidt
Weiter als der Himmel

Roman
Aus dem Englischen von Zoë Beck

Einbandgemälde: Michael Biberstein

Nominiert für den deutschen Designpreis 2017
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284 Seiten
fadengeheftete Broschur
€ 19
ISBN: 978-3-938803-65-3
Erschienen: März 2015

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Jeanette, frisch promovierte Astronomin, macht an einem Teleskop in den chilenischen Anden eine sensationelle Entdeckung, die diversen Gesetzen ihrer Wissenschaft diametral entgegensteht. Sie weiß nicht, ob sie ihre Ergebnisse veröffentlichen soll oder ob sie damit ihrer Karriere schadet. Schließlich tut sie es und hat die gesamte astronomische Welt gegen sich aufgebracht.
Sie stürzt in einen Strudel, der schon bald ihr Privatleben mit sich reißt und sie zwischen den Mühlsteinen der Vergangenheit und der Gegenwart zu zermahlen droht. Bilder ihrer Schwester, die unter rätselhaften Umständen in ihrer Kindheit starb, spannen sich vor die Wirklichkeit. Sie sucht den Himmel und die Erde nach ihr ab und verliert sich dabei selbst.
Pippa Goldschmidts erster Roman ist zugleich tragische Kindheitsgeschichte und Wissenschaftssatire: Virtuos wechselt er die Erzählebenen, die sich schließlich mehr und mehr vermischen.

»Nichts ist so sicher wie der Tod.
Erst ist da nur etwas Verschwommenes in der Dunkelheit
zu erkennen. Jeanette stellt ihr Teleskop neu ein, und
der Fleck wird klar und deutlich. Ein junges Mädchen,
zwölf Jahre alt, in einem blau-weiß karierten Kleid. Sie steht unbeweglich und starr vor dem leeren dunklen Hintergrund.
Jetzt und für immer schwebt sie knapp über dem
Ereignishorizont des Schwarzen Lochs. Und als Jeanette
versucht, nach ihr zu greifen, ist sie nicht wirklich dort. Alles, was geblieben ist, ist dieses letzte Foto von ihr, regungslos an einem Sommertag im Garten.«
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Pippa Goldschmidt ist der klassische Fall des poeta doctus, der gelehrten Autorin, die dem Leser scheinbar beiläufig einen Einblick in ihre Wissenschaft gibt. Sie ist promovierte Astronomin und hat mehrere Jahre am Imperial College in London gearbeitet, anschließend absolvierte sie an der University of Glasgow ein Master-Studium in Creative Writing. Sie hat mehrere Short stories veröffentlicht (als e-books im Original und in deutscher Übersetzung von Zoë Beck bei CulturBooks erhältlich).

Weiter als der Himmel gewann 2012 eine Nominierung für den Dundee International Book Prize. Stephen Fry, Mitglied der Jury, schrieb: »Eine subtile, fesselnde Studie über ein Leben, in dem Intellekt und externe mikroskopische und kosmische Felder aufeinander einwirken.«

Leseprobe

Jeanette könnte genausogut unsichtbar sein. Sie steht auf der Bühne des Hörsaals vor ungefähr zweihundert anderen Astronomen und stellt die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit bei der jährlichen britischen Konferenz vor. Aber sie weiß, daß keiner zuhört.
Sie macht niemandem einen Vorwurf. Sie würde auch nicht zuhören, wenn sie nicht müßte. Wenn sie nur wüßte, wie sie diese leicht zittrige Stimme in ihrem Kopf ausblenden könnte, die ununterbrochen über Staub in frühen Galaxien redet. Aber jetzt dauert es nicht mehr lange. Sie ist bei der letzten Folie angelangt, die die tatsächlichen Daten zeigt. Das könnte die anderen mehr interessieren.
Sie zeigt mit dem roten Punkt ihres Laserpointers auf die Leinwand und hofft, daß er nicht verrät, wie nervös sie ist. Sie versucht, ihnen das Zentrum einer Galaxie zu zeigen, die Stelle, an der sich die Konturen auf der Karte in höchster Intensität verdichten, und der Punkt hüpft herum und weigert sich stillzustehen. Vielleicht ist es ganz egal. Sie hat gerade ihre Doktorarbeit abgeschlossen, sie soll ja jung und eingeschüchtert sein, wenn sie auf einer solchen Konferenz spricht.
Aber diese Folie interessiert sie auch nicht. Ein paar arbeiten an ihren Laptops, andere reden miteinander. Einige spielen an ihren Handys herum, lesen das Konferenzprogramm oder sogar die Zeitung. Ihr Chef, der Todesstern, schläft. Das war zu erwarten. Er sitzt immer in der ersten Reihe und schläft. Er wacht erst am Ende auf und stellt eine fürchterlich relevante Frage. Sie überlegt, was er heute fragen könnte. Es reicht nämlich nicht, den Vortrag im Flüsterton zu halten und ignoriert zu werden. Die Erfahrung ist ohne das Frageritual im Anschluß nicht vollständig. Das (vornehmlich männliche) Publikum muß die Möglichkeit zu einem verbalen Schwanzvergleich erhalten.
Sie kommt zum Ende, schaltet den Laser aus, steht da und wartet. Sie muß nicht lange warten.
»Warum haben Sie keine sichtbaren Wellenlängen sowie Infrarot benutzt?« kommt von jemandem, der offenbar auf seinem Handy ein Spiel gespielt und eindeutig nicht beim
Hauptteil ihres Vortrags zugehört hat, bei dem es um den
Vergleich von sichtbaren und Infrarotbildern ging.
»Haben Sie eine alternative Erklärung Ihrer Resultate in
Betracht gezogen?« Dies von jemandem, vor dem sie sich fürchtet, ein Aufgeblasener Überflieger, vor kurzem aus
Harvard gekommen und wild entschlossen, alles auseinanderzunehmen, was ihm vor die Füße fällt.
»An welche alternative Erklärung denken Sie?« Ihr fällt
keine ein, und er will ganz offensichtlich alle hier erleuchten. Er feuert eine komplizierte Erklärung ab, vermonstert mit Ausdrücken, die sie noch nie gehört hat. Als er endlich aufhört zu reden, bringt sie nicht einmal mehr die Energie auf, ihm zu antworten. Sie deutet nur still auf jemand anderen, der ihr zuwinkt, als würde er eine Kellnerin herbeizitieren, um sein dreckiges Geschirr abzuräumen.
»Warum haben Sie sich nicht auf mein Paper über diese
Galaxie bezogen?«
»Habe ich.« Sie hofft, daß sie unhöflich klingt.
Der Todesstern erwacht und starrt sie an, als hätte er sie noch nie gesehen. »Was bedeutet das?« fragt er, bevor seine Augen wieder zufallen, ohne daß er sich die Mühe macht, auf ihre Antwort zu warten.
Was bedeutet das? Es bedeutet das, was sie bereits ihm und allen anderen erklärt hat, daß der Höhepunkt der Infrarotemission dieser Galaxie räumlich versetzt vom Höhepunkt der sichtbaren Wellenlängen ist, was impliziert, daß eine große Menge Staub vorhanden sein muß, die ein paar der Sterne verdunkelt, das Licht schluckt und es in längeren Wellenlängen wieder ausstrahlt. Der Staub kommt von explodierenden Sternen, die am Ende ihres Lebens angekommen sind, also ist dies eine alte Galaxie, die bereits mindestens eine Sternengeneration hervorgebracht hat. Recht interessant, wenn man im Detail wissen will, wie Galaxien funktionieren.
Es bedeutet, daß sie die Anforderungen an ihre Doktorarbeit erfüllt und ein angemessen nicht-kontroverses (meint: langweiliges) Projekt ausgeführt hat, daß sie bewiesen hat, in der Lage zu sein, Nacht für Nacht in ein Teleskop zu glotzen und Daten von fragwürdiger Qualität zu sammeln, Software zu schreiben, die nicht offensichtlich mit Fehlern gespickt ist, um die Daten zu reduzieren und zu analysieren, und dann den Stil Tausender anderer vergleichbar langweiliger akademischer Papers zu kopieren, um zu berichten, was sie entdeckt hat, damit sie einen Job bekommt und all das für den Rest ihres Lebens weiterhin tun kann. Wenn sie Glück hat. Genau das bedeutet es in diesem Moment. Aber sie weiß auch, daß es noch etwas anderes bedeutet. Es bedeutet, daß sie Zeit an echten Teleskopen verbringen wird, an solchen, die groß genug sind, um Galaxien am Anfang des Universums zu zeigen oder am Rand der Zeit oder welche schicke Formulierung man auch immer benutzen möchte. Teleskope, die sehr weit weg sind, in Wüsten und auf Berggipfeln, an Orten so weit entfernt, daß sie kaum weniger entlegen wirken als die Galaxien selbst.
Es bedeutet, daß sie Wissen besitzt. Sie weiß, wie man scheinbar einfache Aussagen wie »Der Himmel ist nachts dunkel« auseinandernimmt, um an die Informationen dahinter zu gelangen. Sie kennt sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Sterne, der Galaxien, des Universums selbst aus. Sie weiß, wie man das Licht des Nachthimmels entschlüsselt.
Es bedeutet, daß sie entkommen ist. Dem Zuhause, der Depression des Sofas, dem radioaktiven Leuchten des Fernsehers, dem außerirdischen Vakuum im Haus und der Zigarettenasche, die auf alles niederrieselt wie Erde auf einen Sarg.