Pétur Gunnarsson
Das vierte Buch über Andri

Roman
Aus dem Isländischen von Benedikt Grabinski,
Umschlagfotos: Barbara Weidle

Gefördert von
miðstöð íslenskra bókmennta
icelandic literature center
160 Seiten
Fadenheftung, Festeinband,
€ 21
ISBN: 978-3-938803-66-0
Erschienen: August 2014

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Andri Haraldsson taucht in den frühen 1970er Jahren in einer Kommune der legendären Freistadt Christiania bei Kopenhagen auf. Er tut, was man damals so tat: nimmt LSD (und begegnet einem Engel), diskutiert über Mao Tse-tung und Trotzki, sieht Filme von Jean-Luc Godard. Eine Freundin hat er auch, Bylgja, mit der er nach Reykjavík zurückkehrt. Dort wird er bald Vater.
Um die Familie zu ernähren, geht er als Lehrer in die Provinz, wird jedoch alsbald wegen Rauschgiftbesitzes entlassen. Fortan führt Bylgja die Geschäfte und er den Haushalt.

Der Schlußband der grandiosen Tetralogie über das Leben und Wirken von Andri Haraldsson bietet alles andere als einen Schluß, denn der Andri dieses Romans ist nicht der der anderen. Sondern der, der die ersten drei Bücher geschrieben hat.

Andri erzählt nämlich selbst sein Leben zwischen Schreiben, Kinderbetreuung und Haushalt, wobei er auf letzterem Gebiete keine sonderlich gute Figur macht. Er erzählt Geschichten aus seiner Kindheit und erfindet Geschichten für sein Kind.

Und am Ende des Romans beginnt er vielleicht, punkt punkt komma strich zu schreiben, den ersten Band der Tetralogie.
So kann man Das vierte Buch über Andri genausogut als das erste lesen, als den ersten Band eines der großen Klassiker der isländischen Literatur des späten 20. Jahrhunderts.

»Jeder braucht für seine Arbeit eine Verpackung, der Arzt genauso wie der Klempner. Was ist meine Verpackung? Anscheinend hatte der Klempner denselben Gedanken, denn auf dem Weg nach oben fragt er mich, ob ich Schriftsteller sei. »Wie kommst du darauf?« »Man trifft so selten kerngesunde Männer vormittags zu Hause an.«
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Pétur Gunnarsson (1947 geboren) ist einer der wichtigsten isländischen Autoren der Gegenwart. Die vorausgehenden Romane um Andri Haraldsson, punkt punkt komma strich, ich meiner mir mich und Die Rollen und ihre Darsteller wurden zwischen 2011 und 2013 mit großem Erfolg auf deutsch publiziert, alle übersetzt von Benedikt Grabinski.

Leseprobe

Es ist unglaublich, daß Ereignisse spurlos aus dem Gedächtnis verschwinden können. Mein Leben – ich scheine es zu vergessen, sowie es vergeht. Oft berichten mir Frau und Kind detailreich von etwas, das sich zugetragen hat, und ich versuche zu verbergen, wie ahnungslos ich bin, gebe vor, mich zu erinnern, lasse mir etwas einfallen.
Sie sehen mich mißtrauisch an: »Du erinnerst dich nicht, oder? Wir waren im Restaurant, und Hringur hat sich im Klo eingesperrt.« Bylgja mustert mich besorgt und schüttelt den Kopf. »Dann kannst du ja gleich daheim bleiben, wenn wir essen gehen!« »Doch, jetzt erinnere ich mich!« sage ich, völlig blank.
Wieviel meines Lebens ist auf diese Weise schon verlorengegangen? Wenn ich die Ereignisse nicht Tag für Tag aufschreibe, ist es, als hätte ich sie nie erlebt. Als wären die Hirnbänder voll und das Jetzt würde über das, was war, gespielt. So reißt das Vergessen mein Leben an sich, ohne daß ich mich zur Wehr setzen könnte. Aber anstatt dem nachzutrauern, was verloren ist, versuche ich, all jenes festzuhalten, das noch da ist. Mich mit dem Stift durch die Vergangenheit zu tasten und erinnernswerte Geschehnisse niederzuschreiben, sobald sie sich ereignet haben. Verlöre ich diese Notizbücher, wäre mein Leben ausgelöscht.
Hätte ich nur früher angefangen!
Ich halte die Hand über das, was vergangen ist. Es ist so wenig übrig! Ich mache die Jahre zu Tagen, fühle mich wie jemand, der glaubte, er hätte Unmengen Geld, und dann feststellt, daß es tatsächlich nur ein paar Kronen sind. Im Nu verwandele ich die Tage in Stunden. Der Rechner gehorcht. Minuten. Nun endlich sind es Millionen. Das Menschenleben (circa 85 Jahre) hat etwa 44 Millionen Minuten. Zwei Milliarden sechshundertdreiundsiebzig Millionenzweihundertsechzehn Sekunden.

Dies ist mein Leben. Und doch stehe ich außerhalb. Natürlich könnte ich in die Nationalbibliothek gehen und mich Jahr für Jahr, Tag für Tag zurückverfolgen. Ich würde das äußere Ereignisgerüst rekonstruieren können, sogar das Wetter. Aber es wäre nicht mein Leben. Dennoch ist es irgendwo hier, es ist auf Gehirn und Gemüt gespielt worden. Aber wegen eines Fehlers im Wiedergabegerät versteht man kein Wort. An gewissen Stellen mag man mit Mühe Gemurmel ausmachen. Ich weiß, wann ich in die Schule kam, welche Sommer ich auf dem Land verbrachte und so weiter. Zeitweise führte ich sogar Tagebuch, die ältesten Einträge aus der Zeit, als ich 11 war. Aber am 39. Februar 1958 höre ich schlagartig auf. Fünf Jahre später fange ich unter weihevollen Gelübden und feierlichen Erklärungen wieder an. Aber ehe man sich versieht, ist es zu einem bloßen Automatismus geworden: Alles dreht sich nur noch um den Stundenplan in der Schule, in welchem Fach man aufgerufen wurde, wie man während der großen Pause zum Kiosk und abends mit einer Reihe von Initialen ins Kino ging. Schon bald war ich diese hohlen Kommentare leid und wurde nachlässig, ließ leere Seiten für Nachträge. Mitunter versuchte ich, eine ganze Woche zurückzugewinnen. Dann rekonstruierte ich sie mühevoll mit Hilfe des Stundenplanes. Die Schule beschäftigte, unterhielt, bot Zuflucht. Gab Konstanz. Selbst wenn man schwänzte, schwänzte man die Schule. Derselbe Tag wieder und wieder. Unter jeden Eintrag schrieb ich meinen Namen, manchmal mehrfach, als erwartete ich, meinem Charakter mit der Handschrift eine endgültige Form geben zu können.
Guðmundur Andri Haraldsson
Guðmundur Andri Haraldsson
Guðmundur Andri Haraldsson

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»Die Andri-Tetralogie markiert eine literarische Zeitenwende.
Die Romane fanden in Island Zuspruch, der erste Band wurde
erfolgreich verfilmt. Mit Gunnarsson trat die Generation der nach 1944, nach der Proklamation der Unabhängigkeit Geborenen auf den Plan. Das Schaf war jetzt nicht mehr das Mass aller Dinge, stattdessen wurde die Stadt literarisches Thema.«
Aldo Keel, NZZ

»Pétur Gunnarssons sperrige Tetralogie ist in Island längst zum Klassiker geworden. Die deutsche Übersetzung zählt zu den lohnenden und hoffentlich bleibenden Entdeckungen aus der Flut der Islandromane zur Buchmesse 2011.«
Cornelia Fiedler, Münchner Feuilleton