Pétur Gunnarsson
Die Rollen und ihre Darsteller

Roman
Aus dem Isländischen von Benedikt Grabinski
ca. 160 Seiten
Fadenheftung, Festeinband, Schutzumschlag.
€ 18,90
ISBN: 978-3-938803-56-1
Erschienen: März 2013

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Die Rollen und ihre Darsteller ist ein weiterer Roman um den jungen Andri Haraldsson, der im Island der 50er und 60er Jahre aufwächst. Inzwischen 19 Jahre alt, ist er fest entschlossen, Schriftsteller zu werden. Aber wie macht man das, wenn man dauernd Halldór Laxness und Ernest Hemingway vor Augen hat? Und auch noch unsterblich verliebt ist? Auf der Suche nach der allumfassenden Inspiration fährt Andri nach Paris.

Pétur Gunnarsson (*1947) ist einer der wichtigsten isländischen Autoren. Die beiden ersten Romane um Andri Haraldsson wurden 2011 und 2012 mit großem Erfolg auf deutsch publiziert.

Pétur Gunnarssons Romane punkt punkt komma strich und ich meiner mir mich wurden von der Stiftung Buchkunst unter die 25 schönsten Bücher 2011/2012 gewählt.
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Leseprobe

Paris war Geruch. Ein Allerlei aus Essen, Laub und Abgasen. Paris war Berührung: Die Luft schmeichelte der Haut und lockte Arme aus Ärmeln, Haare aus Ausschnitten, Menschen aus Schuhen. Diese Atmosphäre, die es zu Hause nie in den Wetterbericht schaffte, außer »um sechs Uhr heute morgen« im Vergleich mit dem isländischen Wetter »um zwölf Uhr mittags«.
Was hatten all die beschäftigungslosen Menschen am hellichten Tag zu bedeuten? Zu Hause in Island begegnete man nur Frauen, Alten, Schülern und Lehrern, abgesehen von den Rasierwassermännern. Hier toste ein Menschenfluß die Straßen entlang. Mitunter bildeten sich Wasserfälle, wenn sich ein Nebenarm in eine Metrostation ergoß, aber gegenüber spie die Erde eine ebenso große Portion wieder aus, so daß am Ende alles im Gleichgewicht blieb. (…)Ich bin nichts als ein Betrug, dachte Andri. In mir steckt keine Wahrheit. Bylgja allein ist die wirkliche Wirklichkeit.
An der Station St.-Michel stieg er aus.
Am Bahnsteig stand ein Kaffeeautomat. Er warf einen halben Franc ein, aber die Maschine schluckte die Münze nur, und damit hatte es sich. Er las die Bedienungshinweise durch und warf noch einen halben Franc ein. Nun kam ein Strahl Kaffee, aber kein Becher. Der Kaffee floß einfach auf den Boden, und Andri guckte zu, wie er floß, und dachte: Das ist dein Leben. Es rinnt sinnlos in den Abfluß, weil es seinen Sinn schon verloren hat. Soll ich mir jetzt einfach die Hände waschen und die Schuhe saubermachen? Oder soll ich vielleicht losrennen und irgendwo einen gebrauchten Becher aus dem Müll ziehen?
Da hörte er Hemingways Stimme: »Schreib den richtigsten Satz, den du kennst.«