Papier / Paper II

Frank Badur, Detlef Beer, Frank Gerritz, Werner Haypeter, Channa Horwitz, Karim Noureldin, Mark Sheinkman, Hadi Tabatabai, Eine Edition der kunstgaleriebonn im Weidle Verlag
44 Seiten, 58 Abbildungen

€ 16
ISBN: 978-3-938803-49-3
Erschienen: 6. Juni 2012
Herausgeber: Gisela Clement, Michael Schneider,

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Mit Beiträgen von Beiträge von Peter Lodermeyer, Julia Galandi-Pascual, Dieter Scheid, Andreas Schalhorn, Werner Klein, Michael Stockhausen, Clemens Krümmel, Christina Végh, John Zinsser, Elizabeth Volk.

Dieses Buch ist erschienen anläßlich der Ausstellung Papier / Paper II in der kunstgaleriebonn, 06. Juni bis 20. Juli 2012.

Die Auseinandersetzung mit dem Medium Papier in unserem Galerieprogramm wird mit der Ausstellung "Papier / Paper II" fortgesetzt. Wir konfrontieren fünf Positionen unserer bisherigen Arbeit mit Werken von Frank Gerritz, Channa Horwitz und Mark Sheinkman. So entsteht ein spannender Dialog, der weitere Einblicke in die unendlichen Möglichkeiten auf und mit Papier bietet. Unser Dank gilt Frank Gerritz und der Galerie Werner Klein, Channa Horwitz und der Galerie Aanant & Zoo sowie Mark Sheinkman. Wir freuen uns darüber, daß Frank Badur uns rare Arbeiten aus früheren Jahren anvertraut hat und wir Detlef Beer, Werner Haypeter sowie Hadi Tabatabai mit ganz neuen Werkserien vorstellen können. Es war ein besonderes Erlebnis, mit Karim Noureldin in seinem Atelier nahe Lausanne Zeichnungen auszuwählen. Wir danken allen Künstlern sehr herzlich.
Gisela Clement / Michael Schneider
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Seit einigen Jahren ist bei Künstlern, Sammlern, Galeristen und Museumsleuten ein verstärktes Interesse an Zeichnungen bzw. Arbeiten auf Papier zu beobachten. Die Gründe dafür sind vielfältig, einer davon ist – indirekt – sicherlich die Digitalisierung, die auf grundlegende, noch längst nicht absehbare Weise verändert, was der Journalist und Literaturwissenschaftler Lothar Müller treffend die “Epoche des Papiers” genannt hat.1 Die Tatsache, daß die elektronischen Medien machtvoll auf alle Lebensbereiche einwirken, verändert den Blick auf die Wirklichkeit und stellt scheinbar selbstverständliche kulturelle Gewohnheiten in Frage. So wird zum Beispiel immer wieder darüber diskutiert, ob die traditionellen papiergestützten Medien Buch und Tageszeitung noch zeitgemäß sind oder unvermeidlich von elektronischen Lesegeräten und Online-Diensten ersetzt werden. Was Lothar Müller als “digitales” oder “elektronisches Papier” bezeichnet (das bekannteste Beispiel sind die “Seiten” von Word-Dokumenten), “betreibt immer erfolgreicher Mimikry mit seinem analogen Gegenüber.” 2 Was dem digitalen Papier jedoch per definitionem nicht gelingen kann, ist das Imitieren der spezifischen sinnlichen, insbesondere haptischen Qualitäten von Papier. Es ist verständlich, daß diese Qualitäten sich besonderer Wertschätzung erfreuen, seit “Bildkompetenz” eher an Spielkonsolen, Computer-, Fernseh- und Smartphone-Bildschirmen erworben wird als bei Museumsbesuchen und beim Lesen von Kunstbänden. Den schnellen, flüchtigen, im wahrsten Sinne des Wortes ungreifbaren, zumeist nur auf ihren Informationsgehalt hin befragten Bildern der elektronischen Medien haftet jedoch ein nicht zu tilgendes ästhetisches Defizit an. Kunstwerke, die vom Naturmaterial Papier getragen werden, einem seit Jahrhunderten unverzichtbaren Grundstoff des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens, entfalten dagegen (vielleicht mehr als die Malerei) eine ästhetisch-sinnlichmateriale Präsenz und schaffen so ein Ergänzungsstück oder vielmehr: Gegenmodell zur entkörperlichten Bildlichkeit der Bildschirmwelten.
Die sinnliche, haptische, visuelle Qualität des Werkstoffs Papier als Teil des Kunstwerks anzuerkennen zeugt zugleich von einem veränderten Verständnis der traditionellen Kunstgattungen.

Die weit bis in die Moderne hinein wirkende Genieästhetik ist fixiert auf die “Hand” des Künstlers – im doppelten Sinne von Eigenhändigkeit und individueller Handschrift. Das Papier als materielle Grundlage der Zeichnung ist hingegen nur schnödes Material: “Das Papier ist ein aus dem Verfilzen feiner, aus einer dünnflüssigen Suspension von zerstampften, tierischen oder pflanzlichen Grundmaterialien geschöpfter und sich zu einem Vlies verbindender Fasern gewonnener Stoff.” Es hat einen guten Grund, daß die Ausstellungsreihe “Papier / Paper” und nicht “Zeichnung / Drawing” betitelt ist. Der Hinweis auf das Material deutet dezent auf die fundamentalen Veränderungen, die sich, auf der Grundlage der frühen Moderne, besonders im Nachgang der radikalen Kunstformen der 60er und 70er Jahre ergaben. Material, Objekt, Konzept, Prozeß sind zentrale Stichworte eines zeitgenössischen Begriffs von “nicht- gegenständlicher” Kunst, bei der nicht das Künstlersubjekt im Mittelpunkt steht, sondern die Gesamtsituation künstlerischer Tätigkeit (Produktion plus Rezeption) mit ihren Funktionsstellen thematisch wird. Der Gattungsbegriff “Zeichnung” kann das Spektrum dessen, was bei Arbeiten auf und mit Papier möglich ist, nicht mehr vollständig beschreiben: Ein oberflächlicher Blick auf die acht hier vorgestellten künstlerischen Positionen zeigt, daß neben zeichnerischen ebenso malerische, skulpturale und konzeptuelle ästhetische Elemente in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen im Spiel sind
(Peter Lodermeyer)

Sheinkman: White, 2012, Öl, Alkyd und Graphit auf Papier

Haypeter: ohne Titel 2012, Bleistift, Tusche, Fett, Acrylfarbe, gefaltetes und geschnittenes Ingrespapier

Horwitz: Language Series 1 4 5, 1964, Plaka auf Papier

Noureldin: Evo, 2008, Bleistift auf Papie

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