Johannes Muggenthaler
Das Fremdenzimmer

Erzählungen

192 Seiten
Fadenheftung, Festeinband
€ 19
ISBN: 978-3-931135-98-0
Erschienen: 10/2006

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»Heute gibt es kaum noch Fremdenzimmer, heute heißt es Gästezimmer oder einfach nur Zimmer. Es heißt Zimmer frei oder kein Zimmer frei, Zimmer belegt. Ein Zimmer steht zur Vermietung für die Ferien, ein Ferienzimmer. Aber eigentlich hat Fremdenzimmer am besten gepaßt, denn in einem solchen Zimmer bleibt man immer ein Fremder.«
Und nicht nur dort: Die Protagonisten in Muggenthalers
Erzählungen sind allesamt Fremde in der Welt, durch haarfeine Ränder von ihr geschieden. Ob es der Erschrecker in der Geisterbahn ist, die Wurstverkäuferin hinter ihrer Theke, der Taxifahrer oder der Geiger eines berühmten Orchesters, alle sehen auf die Wirklichkeit als etwas Fremdes, das nicht mit ihrem magisch-romantischen Weltbild in Einklang kommen will. Sie sind Träumer, die von der Welt verlangen, nach ihrer Traumlogik zu funktionieren. Und tatsächlich tut die Welt ihnen den Gefallen zumeist – aber wer könnte diesen Träumern und reinen Toren auch etwas abschlagen? Insgesamt bilden die Erzählungen ein Mosaik von Randexistenzen, die in die Mitte rücken, von Verlierern, die Helden werden, wenigstens für einen Tag. Wäre die Welt so,wie Muggenthaler sie beschreibt, wäre sie vollkommen dann aber brauchte man keine Bücher mehr, die von der Sehnsucht nach dieser Vollkommenheit handeln.
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Johannes Muggenthaler, 1955 geboren, wurde zunächst als Künstler bekannt, Ausstellungen hatte er u. a. im Lenbachhaus, München, und im Museum für moderne Kunst, Wien. Das Fremdenzimmer ist bereits seine dritte Publikation im Weidle Verlag, nach den landauf, landab gepriesenen Romanen Regen und andere Niederschläge oder Die Falsche Inderin und Der Idiotenhügel.

Völlig unbelastet von Traditionen, Vorurteilen, Meinungen ist Muggenthaler einfach nur denen ergeben, von denen er erzählt. Er ist kein Satiriker, der reflektiert, was lustig wirken soll. Er ist ein Komiker, dessen Geheimnis es ist, über das zu schreiben, was ihn selbst zum Lachen bringt.
Uta Beiküfner, Berliner Zeitung

Leseprobe

Die Wurstverkäuferin

Guten Tag! Wieder so ein Tag, an dem ich guten Tag sagen muß, obwohl ich eigentlich nicht guten Tag sagen will. lch bin Verkäuferin von Fleisch- und Wurstwaren. Ich stehe tagaus, tagein hinter der Theke eines Kauf ladens, der sich mit einigem Überschwang Supermarkt nennt. Man sieht mich kaum hinter den Angeboten. Den ganzen Tag gehen Menschen an der Theke vorüber. Ich schaue hinter den Würsten hervor und wünsche guten Tag. Ich grüße jeden einzelnen. Mir ist nicht danach, freiwillig würde ich niemals grüßen. Aber ich bekomme Geld dafür.
Der gute Tag läßt sich nicht herbeigrüßen. Er zieht sich in die Länge, trotz meiner frommen Wünsche. Er ist seltsam öde. Schuld daran sind die Wiederholungen, daß ich den ganzen Tag guten Tag sagen muß. Ich grüße bis in alle Ewigkeit. Mit dem Grüßen verhält es sich wie mit dem Porzellan. Bekanntlich hält das am längsten, was ständig im Gebrauch ist. Die gewöhnliche Tasse geht nie zu Bruch, obwohl man es sich heimlich wünscht.
Guten Tag! Ich habe gerade Pause. Ich könnte eine Zigarette rauchen oder Ihnen mein Leben erzählen. Worüber sollten wir uns sonst unterhalten? Auf anderen Gebieten kenne ich mich nicht aus. Mein Leben ist mein erklärtes Lieblingsthema. Obwohl es eigentlich nicht der Rede wert ist, so gleichförmig, so geschwisterlich sind alle Tage. Mein Leben ist mein Spezialgebiet. Ich bin Expertin, was mein Leben anbetrifft. Ich könnte keine schwierigen Fragen über mich beantworten, denn ich will mir selbstverständlich ein Rätsel bleiben. Aber ich kenne alle Details, alle Nebensächlichkeiten aus meinem Spezialgebiet. Vielleicht ist mein Leben ganz ähnlich wie Ihr Leben, zumindest was das Prinzip angeht. Jeder hat sein eigenes Lieblingsthema, nämlich sich, und deshalb haben wir alle ein gemeinsames Lieblingsthema, nämlich uns. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, daß mein Lieblingsthema auch zu Ihrem Lieblingsthema werden könnte. Kommen wir also zu meinem Leben.